Was ziehe ich an?

Welchen Unterschied macht es, ob ich heute morgen das Haus mit geblümtem, semi-transparenten, enggeschnittenen Shirt, Minirock und Stöckelschuhen verlasse oder in einem schlichten Oberteil, dunkler Hose und flachen Schuhen mit Schnürsenkel? Macht das überhaupt einen Unterschied und wenn ja, für wen? Nicht nur angesichts der Diskussionen um die Slutwalks, die diesen Sommer stattfinden, beschäftigt mich diese Frage erneut, sondern auch weil mir nach der Lektüre von Cordula Bachmanns ethnographischer Studie die Komplexität – und Ausweglosigkeit – dieser Entscheidungsfindung bewusster wird. In Kleidung und Geschlecht (2008) zeigt Bachmann, dass die Liberalisierung der Kleiderordnung (zB Frauen tragen Hosen) keinesfalls als Beleg für ein emanzipiertes Geschlechterverhältnis gelesen werden kann. Sie kommt zu dem Schluss, dass sich die Kleiderfrage für „Frauen“ und „Männer“ auf unterschiedliche Weise stellt, und dass die „weibliche Befreiung“ und „vestimentäre Selbstverwirklichung“ (S. 124) trügerisch sind.  Wenn ich ihre Analyse weiterdenke und radikalisiere, dann ist der Unterschied zwischen Outfit Nummer eins, nennen wir es das „Hurenoutfit“ und Nummer zwei, nennen wir es das „Anti-Hurenoutfit“, für den gesellschaftlichen Status von „Mädchen“ und „Frauen“ irrelevant. Was mich hart trifft. Bisher hoffte ich, dass mir die Wahl zwischen den beiden Typen von Outfits einigermassen Spielraum lässt, um mich als Mensch in der Gesellschaft zu positionieren. In Europa lebend und aus kulturellen sowie sozio-ökonomischen Gründen habe ich beinahe jeden Tag die Möglichkeit zwischen diesen beiden „Extremen“ der weiblichen Kleiderordnung zu entscheiden. Bisher hegte ich die Illusion, dass ich durch die reflektierte Verhüllung meines Körpers ein Zeichen an meine Umwelt sende, über das ich einigermassen verfügen kann. Die Kleidung sah ich als „Handlungsobjekt“, als Instrument, um mich im System der Zweigeschlechter-Ordnung widerständig oder anpassend zu verorten. Es gefiel mir, die Grenzen der geschlechtlich codierten Kleiderordnung auszuloten, zwischen den beiden Codes hin und her zu navigieren und zu beobachten, wie die Irritationen und Bestätigungen des sozialen Umfelds ausfallen. Ich spielte oft mit den beiden Outfits, wissend, dass die mir immer wieder zugeteilte Identität „Frau“ weder durch das „Hurenoutfit“ noch das „Anti-Hurenoutfit“ (besser) ausgedrückt werden könnte.

Kurz zu meinem täglichen, morgendlichen Hin- und Her- Schwanken vor dem Kleiderschrank: Entschied ich mich für das „Hurenoutfit“, war der Grund oft ein gewisses Loslassen, Sich-Treiben-lassen. Ich dachte mir: Warum gegen die starren, historisch sedimentierten Regelwerke der gesellschaftlichen Kleiderordnung ankämpfen? Genderbewusstein, Good Bye! – warum nicht spielerisch mit den mir zur Verfügung stehenden Ressourcen umgehen? Farbkombinationen und Schnitte zu kombinieren, mit den Formen des Körpers zu spielen und Schminke aufzutragen, kann Freude machen. Und noch dazu ist es ein Privileg: als Angehörige der „weiblichen Geschlechtsklasse“ darf ich da etwas, was „Männer“ nicht machen können ((zB Männer in knallbunten Feinstrumpfhosen), ohne vom sozialen Umfeld hart bestraft zu werden. Obwohl Bemerkungen auf der Strasse und das Nachpfeifen beim Vorbeigehen an Baustellen für manche „Frau“ im „Hurenoutfit“ auch als eine Art von Strafe in Form einer Abwertung (oder Vergewaltigung, siehe Slutwalks?) erlebt werden können.

Wenn ich mich an diesem besagten Morgen vor dem Kleiderschrank gegen das „Hurenoufit“ entschied, wollte ich mich bewusst von der konventionellen, weiblichen „Erscheinung“ abgrenzen. Ich dachte, dass ich durch das Tragen von schlichter Kleidung die Präsenz meines Körpers und damit mein „Frau-Sein“ in den Hintergrund stelle; mehr „Mensch“ sein und weniger auf „Frau“ reduziert werden war das Ziel. Jetzt, nach näherer Betrachtung, wird mir bewusst, dass ich mir durch das Tragen des „Anti-Hurenoutfits“ niemals soviel Autorität, Macht und Glaubwürdigkeit verschaffen werden kann, wie sie einem souveränen, „männlichen Subjekt“ zum Beispiel in Anzughose und Jackett automatisch zufallen. Denn nach Bachmann exponiere ich mich durch das Tragen von an die männliche Kleiderordnung angelehnte Hosen oder Oberteile als „Frau“, die die Intention hat, nach den mit Männlichkeit verbundenen Tugenden von emotionaler Disziplin, Professionalität und beruflichem Erfolg zu streben. Ich agiere gesellschaftskonform und bejahe durch meine Kleidungspraxis die „allgemeinen gesellschaftlichen Ziele und Wertvorstellungen“ (S. 123). In diesem Zusammenhang filtert Bachmann interessante Ergebnisse aus Gesprächen mit Interviewpartnern heraus. Die nach ihrer Kleidungspraxis befragten unterstreichen, dass ihnen das Tragen von formaler, männlicher Kleidung mit klaren Linien Halt gibt und nicht dazu verführt, sich zu lässig zu geben. Stecke ich seit Jahren womöglich in einer Zwickmühle? Zwischen „Nicht-Hure-Sein-Wollen“einerseits und „Mensch-Sein-Wollen-aber-nicht-Dürfen“ andererseits? Es wird Zeit, sich von der Illusion zu verabschieden, dass „Frauen“ ihren gesellschaftlichen Status irgendwie durch „vermännlichte“ Kleidung kompensieren könnten. Es macht – auf lange Sicht – weder für mich noch für mein soziales Umfeld einen Unterschied, ob ich mich für Outfit Nummer eins oder Nummer zwei entscheide. Momentan sehe ich zwei Lösungen: entweder ich kleide mich nur noch in schwarzen Ganzkörperanzügen, die jede Attraktivität des Körpers verstecken, oder als intellektuelle Hure à la Valerie Solanas – mit gutem Gewissen.

Literatur: Bachmann, Cordula: Kleidung und Geschlecht. Ethnographische Erkundungen einer Alltagspraxis. transcript, Bielefeld. 2008.

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