Pornographie

Jungs spielen nicht mit Puppen?

Stimmt nicht! Den Hinweis auf diese geniale Puppenfirma verdanke ich Gail Dines, die in ihrem Buch Pornland im Kapitel über die Verwebung von Fantasie und Wirklichkeit darüber berichtet. RealDoll verkauft Puppen, die stark an Riesenbarbies erinnern. Nur dass sie mehr können: Alle 3 relevanten Körperöffnungen (Vagina, Anus und Mund) sind abnehmbar und auswaschbar. So wie auch die Augen, Zunge und Haare. Es gibt einen „labia repair kit“ und 16 austauschbare Gesichter stehen im Angebot. Eigentlich sind alle Einzelteile bis zur Brustwarzengrösse individuellen Wünschen entsprechend lieferbar. Das sind Harmony und Spring aus der Linie BOY TOY:

Harmony

Harmony

Spring

Spring

Spring

Spring

Ein Vertreter der Firma soll Dines ernsthaft in einem Interview auf einer Messe in Las Vegas versichert haben, dass diese Puppen u.a toll für Männer sind, die lernen wollen, mit einer Frau zusammen zu sein („these dolls are great for men who want to learn how to be with a woman“ und „these dolls make men feel more confident around women“ und auch „they also help men to develop relationships“; Pornland, S 75). Muss man/frau den Kapitalismus in solchen seiner Sternstunden nicht innigst lieben? Dafür, dass für jedes erdenkliche Bedürfnis ein Nischenmarkt entsteht. Und auch für die lustigen Werbeslogans, die sich Copywriter einfallen lassen, um diese Produkte unter die Leute zu bringen. Im Fall von RealDoll handelt es sich meiner Ansicht nach einerseits um ein teures Hobby – immerhin kostet eine Liebesgefährtin um die 6000 Dollar und eine reicht nicht, das wissen die Barbiepuppenspieler/innen-, andererseits sind diese Puppen skulpturale Meisterwerke. Wenn den Photographien halbwegs zu trauen ist, dann sind diese Silikonwesen wirklich beeindruckend realistisch aussehende Menschenkörper. Könnten sie nicht eines Tages die teuren Supermodels auf Werbeplakaten ersetzen, die im Nachhinein einer akribischen Photoshop-Dusche unterzogen werden müssen, um die Idealfigur und maximale Hautglätte vorzutäuschen?

Gonzo porn

Gonzo ist das Genre von Pornographie gegen das Gail Dines in ihrem Buch Pornland: How Porn Has Hijacked Our Sexuality (2010) zum Kampf aufruft. Die amerikanische Professorin für Soziologie und Women’s Studies beobachtet seit mehr als 20 Jahren die inhaltliche Entwicklung, Professionalisierung und Vermarktung von Pornos – also pornographischen Bildern, Texten und Filmen. Laut Dines werden Pornos immer brutaler und schleichen sich langsam aber sicher dank ihrer einfachen Verfügbarkeit via Mausklick in die Mitte der Gesellschaft. Porno wird zum Mainstream und nicht mehr als schmutziges Geschäft betrachtet, das unter dem Ladentisch abgewickelt werden muss. Gonzo porn machen den Grossteil der im Internet konsumierten Pornos aus und folgt grob gesprochen sechs Schemata:

  1. Vaginale, anale oder orale Penetration einer Frau durch drei oder mehr Männer zur selben Zeit. 
  2. Double-anal: eine Frau wird von zwei Männern gleichzeitig anal penetriert.
  3. Double-vaginal: eine Frau wird von zwei Männern gleichzeitig anal penetriert.
  4. Gagging: einer Frau wird ein Penis soweit in den Hals gesteckt, dass sich bei ihr ein Würgereflex einstellt oder sie, in Extremfällen, erbrechen muss.
  5. Ass-to-mouth: der Penis wir nach dem Analverkehr direkt in den Mund der Frau geschoben, ohne ihn zu waschen.
  6. Bukkake: ein beliebige Anzahl von Männern ejakuliert, oft gleichzeitg, auf den Körper, in das Gesicht, auf die Haare, die Augen, die Ohren oder den Mund der Frau. In manchen Fällen ejakulieren die Männer in eine gemeinsame Tasse, und die Frau trinkt die Samenmixtur.(Pornland, Seite xviii)

Damit die Person, die gonzo porn konsumiert, den Eindruck bekommt, dass die „Frau“ zu Recht und auf ihr Verlangen hin gequält wird, wendet die Pornoindustrie eine Reihe von Tricks an: Die in der Sexszene vorkommende Frau wird nie als „Frau“, sondern als „Hure“ oder „Schlampe“ angesprochen – sie ist kein vollwertiger Mensch. Und die Demütigung ist somit gerechfertigt. Ausserdem ist sie grundsätzlich süchtig nach Sex und kann nie genug davon bekommen. „Nein“ heisst nicht „nein“, sondern „weiter so“. Die Vorstellung, dass die Pornodarstellerin keine Schmerzgrenze kennt wird dadurch erzeugt, dass ihr Verhalten durchgängig als „authentisch“ verkauft wird. Dines ausgiebige Durchforstung von Internetforen führt sie zu dem Schluss, dass die Konsumenten darauf bestehen, dass die Darstellerin, auch wenn sie gerade ihren eigenen Kot essen muss, „wirklich“ lächelt und den Sex will/geniesst. Es gibt aus der Sicht der Konsumenten also keinen Grund, diese Sexszenen als unmoralisch zu bewerten.

Das Cover des Buches Pornland von Gail Dines

Das Cover des Buches Pornland von Gail Dines

Wer diese Ergebnisse von Dines Forschungen liest, der/dem muss zwangsläufig ein Schauer über den Rücken laufen. Oder? Das Ganze klingt wirklich grausam und irgendwie krank. In den globalen Netzwerken des Internets zirkulieren Millionen von hochprofessionell produzierten Filmen, in denen Frauen systematisch vergewaltigt werden. Jährlich werden 13.000 Pornofilme veröffentlicht, es gibt 4.2 Millionen Pornoseiten, täglich wird 68 Millionen Mal im Internet nach Porno gesucht und 2006 soll die Pornoindustrie $96 Mrd. Wert gewesen sein. (Pornland, S 47) Aber sollen wir deshalb Pornos verbieten? Dines sagt ja. Sie hat die Bewegung Stop Porn Culture (SPC) mitbegründet und reist mit Vorträgen wie „Growing Up in Porn Culture“ durch die USA, um gegen den Einfluss von Porn Sex, der „die Frauen“ auf „eindimensionale Objekte“ reduziert, anzukämpfen.

Würde ich mich in dieser Bewegung engagieren? Nein, ich denke nicht. Als Feministin finde ich es wichtig, dass diese herabwürdigenden Bilder von „Frauen“ analysiert und kritisiert werden. Aber ein allgemeines Verbot wird gonzo nicht zum Verschwinden bringen. Jede Unterdrückung würde neue Räume für die formelhaften Geschichten von gonzo schaffen. Das Verhältnis der Geschlechter wird bekanntlich auf verschiedenen Repräsentationsebenen verhandelt, und zum Glück haben wir es als Gesellschaft zu soweit gebracht, dass gonzo sex keine öffentlich anerkannte Beziehungsform sein kann. Aber gonzo wird es immer in der Welt von „Männern“ geben, die „Frauen“ nicht als gleichwertige Menschen respektieren können. Oder solange sie aufgrund ihrer Sozialisierung als „Männer“ in einer heterosexistischen Gesellschaft ihre Körperlichkeit und Emotionalität verleugnen (müssen). Es liegt an den „Frauen“ und „Männern“, die tagtäglich mit gonzo sex Bildern bombadiert werden, diese zu verstehen und so damit umzugehen, dass sie nicht ihr Selbstverständnis als Menschen, denen Respekt gebührt, aufweichen.

Tipp: Pornland ist ein leicht lesbares Buch mit vielen interessanten empirischen Forschungsergebnissen und gibt einen guten Überblick von der Entwicklung und Logik der Pornoindustrie. Aber nicht sich in Panik versetzen lassen, dass alle Menschen, die mit gonzo porn in Kontakt kommen, unausweichlich von gonzo porn ferngesteuert werden!

Dines, Gail: Pornland: How Porn Has Hijacked Our Sexuality. Beacon Press, Boston. 2010