Zett

Zur bipolaren Objektgestaltung

Soviel blauer Müll, soviel rosa Müll füllt die Spielzimmer der Jüngsten und nimmt ihnen jede Chance, das ganze frohe Farbspektrum dieses Planeten zu erkunden. Und dann müssen wir in der Zeitschrift für Gestaltung (Zett, Das Magazin der Zürcher Hochschule der Künste) der renommiertesten Kunsthochschule der Schweiz lesen, dass genderspezifisch gestaltete Objekte für die „„Orientierung“ im Alltag durchaus nützlich und wichtig“ sind? Diese These gilt zumindest laut Prof. Michael Krohn, den Leiter des Studiengangs Master of Arts in Design, für erwachsene Frauen und Männer, die aufgrund ihrer „unterschiedlichen Bedürfnisse“ und „Fähigkeiten“ bestimmte „Ansprüche“ an die Objektwelt stellen. Das sei Tatsache, so der Autor. Dass Frauen weiche, helle Kurven und Männer harte und dunkle Ecken bevorzugen, wird in dem Artikel nicht weiter hinterfragt, sondern als kulturelle Gegebenheit analysiert.

"Weibliche Sphäre" des Rasters zur Beurteilung der Gender-Bedeutung von ausgewählten Objekten

"Weibliche Sphäre" des Rasters zur Beurteilung der Gender-Bedeutung von ausgewählten Objekten

Problematisch finde ich auch die These, dass ein klares Erkennen von Gender Codes einem „subtilen, unterschwelligen“ Erkennen von Zeichen zwecks „besserer Wahrnehmung“ vorzuziehen sei. Überspitzt gesagt: Kann ich Objekte, die weder rosa noch blau, sind, schwer wahrnehmen? Sind wir schon so weit? Worum geht es eigentlich bei der bipolaren Gestaltung? Spontan würde ich sagen um „Produktzwiefalt“ – und nicht um ein „besseres“ Lesen unserer Umwelt. Durch die bipolare Gestaltung verarmt die Dingwelt. Wenn sich alle Objekte an den bipolaren Design-Extremen von „männlich“ und „weiblich“ ansiedeln müssen, dann lassen wir ein grosses Feld von Gestaltungsmöglichkeiten brach liegen.
"Männliche Sphäre" des Rasters zur Beurteilung der Gender-Bedeutung von ausgewählten Objekten

"Männliche Sphäre" des Rasters zur Beurteilung der Gender-Bedeutung von ausgewählten Objekten

Meiner Ansicht nach hätte sich der Autor mit seinen eingangs gestellten Fragen, die er nicht weiter verfolgt, tiefgehender beschäftigen sollen. So hält er zum Beispiel eingangs fest, dass bipolare Gegensätze (männlich/weiblich) in der Gestaltung von Produkten „immer wieder von Neuem bedient und damit weiter gefestigt“ werden. Er sieht die Möglichkeit der Alternative, in einer „(fast) emanzipierten Gesellschaft“ das Design von genderspezifisch gestalteten Objekten aufzugeben. Ich denke, diese Einsicht würde interessante Sichtweisen aufwerfen, die der Pluralität unserer Konsumgesellschaft wirklich Rechnung tragen könnte. Der Autor beginnt jedoch den darauffolgenden Satz mit der Behauptung „Tatsache ist“ und fährt damit fort, „dass Frauen und Männer einen geschlechtsspezifisch geprägten Zugang zur Wahrnehmung und Interpretation von Gegenständen haben“. Mit dieser biologistischen Argumentationslinie begibt er sich wieder in den Zirkel des bipolaren Geschlechterunterschieds, der sich immer wieder reproduziert und selbst bestätigt.

Abschliessendes Kommentar: Über die Nachricht, dass Gender-Themen in den Designunterricht intergriert werden, freue ich mich sehr. Zu meiner Designstudienzeit waren wir Lichtjahre davon entfernt. Es wurde uns lediglich gesagt, dass die „Frauen“ sicher eine Stelle finden würden, weil Produktdesign ein Männerberuf sei – obwohl „Frauen“ öfter shoppen gehen.